Erholung
10 Begriffe
- Autonomes Nervensystem
Das autonome Nervensystem (ANS) steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung und Atmung. Traditionell wird es in den Sympathikus (Kampf-oder-Flucht) und den Parasympathikus (Ruhe und Erholung) unterteilt; das enterische Nervensystem gilt heute als halbautonome dritte Division, die den Magen-Darm-Trakt reguliert. In der Longevity-Wissenschaft wird die ANS-Funktion über HRV, Baroreflexsensitivität und Herzfrequenzerholung beurteilt, da Dysautonomie und chronische sympathische Dominanz mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und beschleunigter biologischer Alterung verknüpft sind.
- Herzratenvariabilität (HRV)
Die Herzratenvariabilität bezeichnet die Schwankung der Zeitabstände zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen, gemessen in Millisekunden. Bei gesundem Sinusrhythmus deuten höhere Werte meist auf eine stärkere vagale Modulation und kardiovaskuläre Anpassungsfähigkeit hin. Pathologisch erhöhte Schlag-zu-Schlag-Variabilität (z. B. bei Vorhofflimmern oder häufigen Extrasystolen) spricht jedoch nicht für eine gute autonome Gesundheit und muss vor der Interpretation ausgeschlossen werden. Sinkende HRV-Trends werden mit Alterung, chronischem Stress und erhöhter Gesamtmortalität verknüpft.
- Parasympathische Aktivierung
Parasympathische Aktivierung beschreibt das Einsetzen des Ruhe- und Erholungszweigs des autonomen Nervensystems, überwiegend vermittelt durch den Vagusnerv zu thorakalen und oberen Bauchorganen, ergänzt durch parasympathische Bahnen über die Nervi splanchnici pelvici zu den unteren Magen-Darm- und Urogenitalorganen. Sie verlangsamt den Herzschlag, senkt den Blutdruck, fördert die Verdauung, unterstützt die Erholung und moduliert die Entzündungsaktivität über den cholinergen antiinflammatorischen Signalweg. Langsame, gleichmäßige Atmung, Meditation und tiefer Schlaf erhöhen den parasympathischen Tonus, sichtbar an höheren RMSSD-Werten. Kaltwasser-Gesichtsimmersion aktiviert den Vagus über den Tauchreflex, während Ganzkörperkälte primär sympathisch wirkt und erst in der Erholungsphase einen parasympathischen Rebound zeigt.
- Readiness Score
Ein Readiness Score ist ein herstellerdefinierter Tagesindex, bekannt durch Geräte wie Oura und Garmin (dort als Training Readiness oder Body Battery vermarktet), der anzeigen soll, wie gut der Körper auf körperliche oder geistige Belastung vorbereitet ist. Whoops analoge Metrik heißt Recovery, nicht Readiness. Er kombiniert meist HRV, Ruhepuls, Abweichungen der Körpertemperatur, Schlafqualität und vorangegangene Belastung. Die Algorithmen unterscheiden sich je nach Hersteller und sind nicht peer-reviewed standardisiert; die Werte sollten daher als herstellerspezifische Verlaufssignale und nicht als klinisch validierte Messgrößen verstanden werden.
- Recovery Score
Recovery Score ist ein Oberbegriff für herstellerdefinierte Sammelmetriken, die einschätzen, wie gut sich der Körper von vorangegangener Belastung erholt hat. Die Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Gerät: Whoop nennt seinen Wert Recovery, Garmin verwendet Body Battery und Training Readiness, Oura spricht von Readiness. Typische Eingabewerte sind HRV, Ruhepuls, Atemfrequenz, Schlafdauer und Schlafphasen, wobei die genauen Algorithmen proprietär sind. Für einen standardisierten Recovery Score gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens; die Werte sind zwischen Geräten nicht direkt vergleichbar und sollten als herstellerspezifische Trends, nicht als diagnostische Messgrößen verstanden werden.
- RMSSD
RMSSD (Root Mean Square of Successive Differences) ist ein zeitbasierter HRV-Parameter, definiert als die Quadratwurzel des Mittels der quadrierten aufeinanderfolgenden Differenzen benachbarter NN- (bzw. RR-)Intervalle, angegeben in Millisekunden. Er gilt als zuverlässigster Kurzzeitmarker der parasympathischen (vagalen) Aktivität und kommt in Wearables sowie rPPG-Messungen zum Einsatz. In der Longevity-Forschung wird RMSSD als Tagesindikator für Erholung, Trainingsanpassung, Schlafqualität und akute Belastung herangezogen.
- RPE (subjektives Belastungsempfinden)
Das subjektive Belastungsempfinden (Rate of Perceived Exertion, RPE) ist eine Skala zur Einschätzung der Anstrengung beim Sport, üblicherweise auf der Borg-Skala von 6 bis 20 oder der modifizierten Skala von 0 bis 10. Es korreliert bei trainierten Personen recht gut mit Herzfrequenz, Laktat und VO2. In Longevity- und Ausdauerprotokollen dient RPE der Steuerung der Trainingsbelastung, dem Ermüdungsmanagement und ergänzt objektive Erholungsmarker wie HRV und Ruhepuls.
- SDNN
SDNN (Standard Deviation of NN intervals) ist ein zeitbasiertes HRV-Maß, das die Gesamtvariabilität normaler Herzschläge erfasst. Gemäß den HRV-Task-Force-Standards wird SDNN vorrangig über 24-Stunden-Aufzeichnungen berichtet und spiegelt dabei sympathische und parasympathische Einflüsse sowie zirkadiane Rhythmen und langfristige niederfrequente Variabilitätsanteile wider, die zum 24-h-SDNN beitragen. Der Kurzzeit-SDNN über 5 Minuten wird stark von atembedingter, vagal vermittelter Variabilität geprägt, während RMSSD und HF-Leistung spezifischere Marker der vagalen Modulation darstellen. Ein niedriger 24-Stunden-SDNN ist mit erhöhter kardiovaskulärer und Gesamtmortalität verknüpft, besonders nach Infarkt.
- Übertrainingssyndrom
Das Übertrainingssyndrom (OTS) liegt gemäß ECSS/ACSM-Konsens auf einem Kontinuum mit funktionellem (FOR) und nicht-funktionellem Overreaching (NFOR). Es ist ein fehladaptiver Zustand, in dem die Trainingsbelastung die Erholungskapazität über lange Zeit übersteigt und einen unerklärlichen Leistungsabfall über Wochen bis Monate verursacht, begleitet von Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen. Sinkende HRV-Trends, steigender Ruhepuls und unverhältnismäßiges RPE bei gegebener Belastung treten häufig auf, sind aber unspezifisch; parasympathische Indizes können bei einigen Athleten paradox ansteigen statt zu fallen.
- Vagustonus
Der Vagustonus beschreibt die Grundaktivität des Vagusnervs, der wichtigsten parasympathischen Bahn, die den Hirnstamm mit Organen wie Herz, Lunge und Darm verbindet. Ein hoher Vagustonus geht mit einer wirksamen Herzfrequenzverlangsamung beim Ausatmen, schnellerer Erholung nach Stress und geringeren systemischen Entzündungen einher. Geschätzt wird er meist über RMSSD oder hochfrequente HRV-Anteile. Im Longevity-Kontext gilt die Stärkung des Vagustonus durch Atemübungen, Bewegung und Schlaf als beeinflussbarer Resilienzfaktor.
