Nicht für immer jung, sondern besser alt

Es gibt diesen Moment in Leon Windscheids ZDF-Reportage über Longevity, bei der ich mitgewirkt habe. Da sitzt Franz. 102 Jahre alt, frisch verliebt, kennengelernt in der Seniorenresidenz. Gefragt, was er für sein hohes Alter getan hat, sagt er sinngemäß: nichts Besonderes. Schicksal.

Maurice Lichtenberg
Von Maurice LichtenbergVeröffentlicht am · 8 Min. Lesezeit
Maurice Lichtenberg & Leon Windscheid (Source: ZDF & Marius Fuchtmann)
Maurice Lichtenberg & Leon Windscheid (Source: ZDF & Marius Fuchtmann)

Viele lesen das als Beweis, dass der ganze Longevity-Kram Quatsch ist. Ich sehe es genau andersherum. Franz widerlegt Longevity nicht. Er ist einer der besten Belege dafür, den man sich vorstellen kann. Nur eben für den Teil, den fast alle übersehen.

Macht Franz nicht alles richtig, ohne sich anzustrengen?

Doch, ziemlich genau. Franz hat keine Geräte und keine Pillen. Er hat etwas anderes: Menschen, einen Grund aufzustehen, und eine entspannte Haltung zum eigenen Alter. Und genau das gehört zum Stärksten, was die Forschung zu langem Leben kennt.

Sein Leben war kein Wellness-Programm. Fünf Jahre Kriegsgefangenschaft, als Invalide zurückgekommen. Trainiert hat er nie. Bewegt hat er sich trotzdem ständig: viel zu Fuß gegangen, eigene kleine Gymnastik gemacht. Übertrieben hat er nichts, beim Essen nicht, beim Trinken nicht. Er habe immer gewusst, wo die rote Linie liegt, sagt er. Eine Konstante zieht sich durch alles: seine Trompete. Die Musik habe ihm das Leben gerettet. Bewegung, Maß und etwas, das einem wichtig ist. Klingt unspektakulär. Ist aber ziemlich genau das, was zählt.

Fang bei den Beziehungen an. Eine große Auswertung von 148 Studien mit über 308.000 Menschen zeigte: Wer starke soziale Bindungen hat, überlebt den Beobachtungszeitraum mit rund 50 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit (Holt-Lunstad, Smith und Layton, 2010). Das ist ungefähr der gleiche Effekt wie Nichtrauchen. Ein 102-Jähriger, der sich frisch verliebt, macht also nichts Niedliches. Er macht etwas, das in der Statistik richtig schwer wiegt.

Dann der Sinn im Leben. In einer US-Kohorte mit fast 7.000 Menschen über 50 hatten jene mit den niedrigsten Werten für Lebenssinn ein fast 2,5-fach höheres Sterberisiko als die mit den höchsten (Alimujiang und Kollegen, 2019). Eine andere Studie mit über 6.000 Erwachsenen fand: Pro Stufe mehr Lebenssinn sank das Sterberisiko um etwa 15 Prozent, und zwar in jedem Alter (Hill und Turiano, 2014). Eine Meta-Analyse über zehn Studien und mehr als 136.000 Personen kommt zum selben Schluss (Cohen, Bavishi und Rozanski, 2016). Wer morgens einen Grund hat, das Bett zu verlassen, lebt im Schnitt länger. Bei Franz heißt dieser Grund gerade Doris.

Die Kehrseite ist genauso deutlich. Eine Auswertung von 70 Studien mit 3,4 Millionen Menschen fand: Soziale Isolation erhöht das Sterberisiko um etwa 29 Prozent, Einsamkeit um 26, Alleinleben um 32 (Holt-Lunstad und Kollegen, 2015). Spannend dabei: Ob du objektiv isoliert bist oder dich nur einsam fühlst, macht statistisch kaum einen Unterschied. Das Gefühl allein reicht schon, um zu schaden.

Bleibt die Haltung zum Älterwerden. In der Reportage sagt die Psychologin Eva-Marie Kessler, dass negatives Denken über das Alter zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung wird. Dahinter steckt echte Forschung. Eine vielzitierte Studie aus Yale fand, dass Menschen mit positivem Blick aufs eigene Altern im Schnitt 7,5 Jahre länger lebten (Levy und Kollegen, 2002). Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Eine neuere Sammelauswertung von 107 Studien bestätigt zwar einen Effekt, aber einen klar kleineren (Westerhof und Kollegen, 2023). Die Richtung stimmt. Die genaue Zahl von damals würde ich heute nicht mehr in Stein meißeln.

Beim Stress wird es körperlich. Chronischer Stress beschleunigt vermutlich das biologische Altern. In einer kleinen Studie hatten stark belastete Frauen kürzere Telomere, das sind die Schutzkappen an den Enden deiner Chromosomen, die mit dem Alter schrumpfen (Epel und Kollegen, 2004). Der Unterschied entsprach grob einem Jahrzehnt zusätzlichem Altern. Vorsicht: Die Studie ist winzig, nur 58 Frauen, und beweist keine Ursache. Als Hinweis auf einen Mechanismus taugt sie aber gut. Größere Auswertungen mit über 120.000 Menschen bestätigen zumindest, dass kurze Telomere mit höherer Sterblichkeit zusammenhängen (Wang und Kollegen, 2018).

Franz lebt diese Dinge, ohne sie zu kennen. Das ist seine Form von Longevity. Schade nur, dass kaum jemand darüber redet, weil sie sich schlecht verkaufen lässt.

Reicht es also, einfach entspannt und glücklich zu sein?

Nein. Und das ist der wichtigste Satz in diesem Text. Franz ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Es gibt auch den 100-jährigen Kettenraucher. Den kennt jeder, irgendwer hat so einen Großonkel. Nur sollten wir aus ihm bitte keine Strategie ableiten. In der britischen Ärztestudie über 50 Jahre, mit mehr als 34.000 Männern, verloren Raucher im Schnitt rund zehn Lebensjahre (Doll, Peto und Kollegen, 2004). Eine US-Studie mit über 200.000 Erwachsenen bestätigte das und zeigte zugleich etwas Hoffnungsvolles: Wer vor dem 40. Geburtstag aufhört, holt fast die gesamte verlorene Zeit zurück (Jha und Kollegen, 2013).

Der Denkfehler dahinter hat einen Namen: Survivorship Bias (der Trugschluss, nur auf die Überlebenden zu schauen und alle zu vergessen, die es nicht geschafft haben). Der rauchende Hundertjährige wird interviewt. Die Tausenden Raucher, die mit 62 gestorben sind, sitzen in keiner Talkshow.

So funktioniert Gesundheitswissenschaft eben. Sie verschiebt Wahrscheinlichkeiten über viele Menschen hinweg. Sie verspricht keinem Einzelnen ein Ergebnis. Franz ist das glückliche Ende einer Verteilung: gute Gene, gutes Umfeld, eine ordentliche Portion Zufall. Wenn wir aus seinem Leben ein Rezept basteln, machen wir genau den Fehler, den jeder seriöse Gesundheitskanal vermeiden sollte. Sonst könnten wir auch Lottogewinner nach ihrer Anlagestrategie fragen.

Was ist mit den Blue Zones, wo angeblich alle uralt werden?

Gerade da lohnt sich gesunde Skepsis. Die berühmten Hochalter-Regionen sind oft weniger ein Wunder als ein Datenproblem.

Der Demograf Saul Justin Newman hat sich die Zahlen hinter Okinawa, Sardinien und Ikaria angesehen. Sein Ergebnis: Vieles davon beruht auf fehlenden Geburtsurkunden, schlechter Aktenführung und Hinweisen auf Rentenbetrug. Nur etwa 18 Prozent der weltweit geprüften Supercentenarier, also Menschen über 110, haben überhaupt eine Geburtsurkunde. In den USA sind es null Prozent. In Griechenland stellte sich heraus, dass rund 72 Prozent der angeblichen Hundertjährigen längst verstorben waren. Und auf Okinawa, dem Gemüse-Vorzeigeort, essen die Menschen laut japanischer Regierung am wenigsten Gemüse und haben den höchsten Body-Mass-Index des Landes. Für diese Arbeit bekam Newman 2024 den Ig-Nobelpreis, eine Auszeichnung für Forschung, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt.

Wichtig zur Einordnung: Newmans Arbeit ist bisher ein sogenannter Preprint, also noch nicht von unabhängigen Fachleuten geprüft. Man sollte sie deshalb als ernstzunehmende Kritik lesen, nicht als letztes Wort. Die Richtung passt aber zum Muster aus dem letzten Abschnitt. Selbst scheinbare Häufungen von Uralten lösen sich bei genauem Hinsehen oft in Luft auf. Anekdoten bleiben schwache Belege, egal wie schön die Geschichte klingt.

Bringt ein langes Leben überhaupt was, wenn man krank ist?

Genau das ist die richtige Frage. Und sie führt zum Kern. Ein langes Leben ist nur die halbe Miete. Es geht um gute Jahre, nicht um die pure Anzahl.

Eine aktuelle Analyse der Mayo Clinic hat alle 183 WHO-Mitgliedsstaaten ausgewertet. Ergebnis: Menschen verbringen im weltweiten Schnitt 9,6 Jahre ihres Lebens mit deutlicher Krankheitslast, also in spürbar schlechter Gesundheit (Garmany und Terzic, 2024). Seit dem Jahr 2000 ist diese Lücke um 13 Prozent gewachsen. In den USA ist sie mit über 12 Jahren weltweit am größten. Wir werden älter, aber die gewonnenen Jahre sind immer häufiger kranke Jahre.

Schon 1980 hoffte der Forscher James Fries auf das Gegenteil. Seine Idee: Krankheit ließe sich durch guten Lebensstil ans Lebensende verdichten, sodass man lange fit bleibt und erst kurz vor Schluss abbaut (Fries, 1980). Global ist diese Hoffnung bisher nicht aufgegangen. Genau deshalb finde ich die Kritik des Soziologen Hartmut Rosa in der Reportage so treffend. Er sieht einen Widerspruch, wenn über dem langen Leben das gute Leben aus dem Blick gerät.

Ich gebe ihm recht. Über Franz sagt Rosa etwas, das genau ins Schwarze trifft: Franz sei ein Inbegriff dafür, wie Altern gelingt, aber nichts davon habe er getan, um nicht alt zu werden. Es gelinge im Vollzug. Genau das ist der Punkt. Franz hat das Älterwerden nie bekämpft. Er hat einfach gut gelebt.

Der Fehler liegt also nicht in der Longevity selbst, sondern in ihrer ängstlichen, extremen Variante. Wer jeden Tag gegen den Tod kämpft, hat schon halb verloren. Ich habe die Don't-Die-Bewegung um Bryan Johnson irgendwann verlassen, als sie anfing, sich wie eine Religion anzufühlen. Sobald wir anfangen zu glauben, hört die Wissenschaft auf. Franz kämpft nicht. Er lebt. Und das ist die Synthese, die in der hitzigen Debatte oft fehlt: langes Leben und gutes Leben sind keine Gegner. Franz hat beides.

Was solltest du wirklich für ein langes, gutes Leben tun?

Halt dich an die Basics, und nimm den Teil ernst, der nichts kostet. In der Reportage habe ich gesagt, dass ich mich auf die Grundlagen konzentriere: Schlaf, Ernährung, Bewegung. Mir geht es dabei nicht ums längere Leben, sondern ums lange Gesundbleiben. Das ist ein Unterschied. Diese drei Dinge verschieben deine Wahrscheinlichkeiten messbar in die richtige Richtung, und zwar bei fast jedem.

Was Franz dazu zeigt, ist die zweite Hälfte. Pflege die Menschen, die dir guttun. Such dir etwas, für das es sich lohnt aufzustehen. Versöhne dich mit dem eigenen Älterwerden. Diese Säule kostet kein Geld und steht in keinem Supplement-Regal, und trotzdem wiegt sie in den Studien schwerer als fast alles, was sich verkaufen lässt.

Ja, ich nutze selbst Höhentraining und Rotlicht. Das ist Kür. Wer die Pflicht überspringt und direkt zur Kür greift, baut sein Haus beim Dach an. Der rauchende Hundertjährige und der frisch verliebte Franz sind beide Ausreißer. Dein Leben solltest du deshalb nicht nach den Ausreißern bauen, sondern nach dem, was die Chancen für viele verbessert.

Ich habe dabei zwei Bilder im Kopf. Mein Opa, der mit mir wandern ging, als ich klein war. So möchte ich mit 70 noch unterwegs sein. Und meine Oma, die mir sagte, gut, dass du dich bewegst, sie selbst habe es nie getan. Beides zusammen ist mein Antrieb. Nicht die Angst vorm Sterben, sondern die Lust auf gute Jahre.

Wie lange ich leben will? Mit 100 wäre ich zufrieden. Aber bitte 100 gute Jahre, mit Menschen, die ich mag. Nicht 100 Jahre im Wartezimmer.

 

Quellen & Referenzen

  1. Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316
  2. Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T., & Stephenson, D. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227-237. https://doi.org/10.1177/1745691614568352
  3. Alimujiang, A., et al. (2019). Association Between Life Purpose and Mortality Among US Adults Older Than 50 Years. JAMA Network Open, 2(5), e194270. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2019.4270
  4. Hill, P. L., & Turiano, N. A. (2014). Purpose in Life as a Predictor of Mortality Across Adulthood. Psychological Science, 25(7), 1482-1486. https://doi.org/10.1177/0956797614531799
  5. Cohen, R., Bavishi, C., & Rozanski, A. (2016). Purpose in Life and Its Relationship to All-Cause Mortality and Cardiovascular Events: A Meta-Analysis. Psychosomatic Medicine, 78(2), 122-133. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000274
  6. Levy, B. R., Slade, M. D., Kunkel, S. R., & Kasl, S. V. (2002). Longevity increased by positive self-perceptions of aging. Journal of Personality and Social Psychology, 83(2), 261-270. https://doi.org/10.1037/0022-3514.83.2.261
  7. Westerhof, G. J., et al. (2023). Longitudinal Effects of Subjective Aging on Health and Longevity: An Updated Meta-Analysis. Psychology and Aging, 38(3), 147-166. https://doi.org/10.1037/pag0000737
  8. Doll, R., Peto, R., Boreham, J., & Sutherland, I. (2004). Mortality in relation to smoking: 50 years' observations on male British doctors. BMJ, 328(7455), 1519. https://doi.org/10.1136/bmj.38142.554479.AE
  9. Jha, P., et al. (2013). 21st-Century Hazards of Smoking and Benefits of Cessation in the United States. New England Journal of Medicine, 368, 341-350. https://doi.org/10.1056/NEJMsa1211128
  10. Newman, S. J. (2019, revised 2024). Supercentenarian and remarkable age records exhibit patterns indicative of clerical errors and pension fraud. bioRxiv (Preprint, v3). https://www.biorxiv.org/content/10.1101/704080v3
  11. Garmany, A., & Terzic, A. (2024). Global Healthspan-Lifespan Gaps Among 183 World Health Organization Member States. JAMA Network Open, 7(12), e2450241. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.50241
  12. Fries, J. F. (1980). Aging, Natural Death, and the Compression of Morbidity. New England Journal of Medicine, 303(3), 130-135. https://doi.org/10.1056/NEJM198007173030304
  13. Epel, E. S., et al. (2004). Accelerated telomere shortening in response to life stress. PNAS, 101(49), 17312-17315. https://doi.org/10.1073/pnas.0407162101
  14. Wang, Q., Zhan, Y., Pedersen, N. L., Fang, F., & Hägg, S. (2018). Telomere Length and All-Cause Mortality: A Meta-analysis. Ageing Research Reviews, 48, 11-20. https://doi.org/10.1016/j.arr.2018.09.002

Häufig gestellte Fragen

Kann ein entspanntes, glückliches Leben wirklich die Lebenserwartung erhöhen?

Ja, psychosoziale Faktoren wie soziale Bindung, Lebenssinn und eine positive Haltung zum Alter gehören zu den am besten belegten Einflussgrößen. Starke Beziehungen sind mit rund 50 Prozent höherer Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden (Holt-Lunstad et al., 2010). Allein "glücklich sein" garantiert aber kein langes Leben, es verschiebt nur die Wahrscheinlichkeiten.

Sind die Blue Zones ein Mythos?

Teilweise. Der Demograf Saul Justin Newman zeigte 2024, dass viele Hochalter-Rekorde in Regionen wie Okinawa, Sardinien und Ikaria auf fehlenden Geburtsurkunden, schlechter Datenlage und mutmaßlichem Rentenbetrug beruhen. Seine Arbeit ist allerdings noch ein nicht peer-reviewter Preprint, also als starke Kritik zu lesen, nicht als endgültiger Beweis.

Beweist ein 100-jähriger Raucher, dass Rauchen unbedenklich ist?

Nein, das ist ein klassischer Survivorship Bias. In der 50-jährigen britischen Ärztestudie verloren Raucher im Schnitt rund 10 Lebensjahre (Doll, Peto et al., 2004). Einzelne hundertjährige Raucher sind seltene Ausnahmen, keine verallgemeinerbare Strategie.

Was ist der Unterschied zwischen Lifespan und Healthspan?

Lifespan ist die reine Lebensdauer, Healthspan die Zahl der Jahre in guter Gesundheit. Weltweit klaffen diese beiden im Schnitt 9,6 Jahre auseinander, in den USA über 12 Jahre (Garmany & Terzic, 2024). Längeres Leben heißt also nicht automatisch gesünderes Leben.

longevityzdfcommunity

Ähnliche Artikel